29.09.2008

Helmut Jahn und die Polarität | Kunsthistorikerin Stephanie Geise zur aktuellen Jahnausstellung.


Helmut Jahn und die Polarität

Begrüßung

Polarität -

"Das Verhältnis zweier entgegengesetzter, in Wechselwirkung miteinander stehender und aufeinander angewiesener Pole, Kräfte oder Dinge"

- wenn Sie die Werke von Helmut Jahn kennen, wenn Sie sie nur kurz gesehen haben, dann wissen Sie sofort, warum dieser Begriff so passend als Ausstellungstitel ist. Fast schon anmaßend streben seine Bilder danach, diesen Begriff für sich in Besitz zu nehmen. Antagonistisch sind Farben, Formen, Töne, Kompositionen, Impressionen, Expressionen. Gleichzeitig findet sich oft eine Transzendenz in seinen Werken, eine Tendenz zur Auflösung – zwischen Medium und Raum, zwischen Abbildung und Abstraktion, zwischen Farbe und Schattierung. Auch das ist höchst antagonistisch, hin und wieder geradezu "jahnsinnig".

Mühelos überschreiten die Werke Helmut Jahns die Grenzen jedes Formats, sind «Augengärten» und «Visitenkarten» zugleich. Mühelos wechseln sie zwischen leidenschaftlicher Emotion und coolem Kalkül, setzen sich im Empfinden fest und drängen danach, kritisch, analytisch hinterfragt zu werden. So ist Helmut Jahn überzeugt: "Die Kunst braucht den Diskurs", die Auseinandersetzung mit dem Publikum. Nicht nur diesbezüglich ist Helmut Jahn ein durch und durch traditionsreicher Künstler, lebt die Kunst doch seit jeher von ihrem Dialog mit der Gesellschaft. So liefern Jahns Arbeiten denn auch  zahlreiche Bezüge zur kunsthistorischen Vergangenheit, die er offenbar vollkommen integrativ verarbeitet: Von der barocken Illusionsmalerei über das spielerische Rokoko, vom strengen Klassizismus zum zarten Impressionismus, vom Popart über die informelle Kunst.

Wenn Sie also «sparsam» sammeln möchten: Wunderbar, dann erwerben Sie einen Jahn! Nutzen Sie die Gelegenheit! Mit einem einzigen Jahn können Sie ein ganzes, wissendes Kompendium aus Kunstgeschichte und Gegenwartskunst abdecken!

Denn ebenso stilsicher wie sich Helmut Jahn durch die Epochen der Vergangenheit bewegt, fühlt er sich den Herausforderungen der postmodernen Gesellschaft verpflichtet. Er sucht beständig nach neuen Ausdrucksformen, um der Zeit ihren Spiegel vorzuhalten. Und mit diesem wirft er den Betrachter letztlich auf sich selbst zurück. So wie Helmut Jahn über sich selbst sagt: "Lieber Scheitern als nicht das Äußerste versuchen", so transportieren auch seine Bilder diesen Anspruch. Und – und das kennzeichnet wirklich große Kunst – werden diesem Anspruch mühelos gerecht.

Mit dieser immanent radikalen Haltung ist Helmut Jahn ein Gegenwartskünstler im klassischen Sinn, eben nicht trotz, sondern gerade wegen seiner abstrakten Expressivität. Jahn spiegelt uns mit seinen Polaren Welten die Polaritäten unserer Zeit zurück, er reflektiert mit seinen Kontrasten die Zerrissenheit unserer heutigen Gesellschaften. Doch, und das ist wichtig, gleichzeitig stimmen seine Bilder optimistisch, versetzen uns in einen Farbrausch, machen betrunken, machen uns «high», lassen für einen Moment die Hektik und die Probleme um uns vergessen.

Sehen Sie sich seine Farbwelten an, fühlen Sie sie! Wie könnte ein Gemälde stärkeren Ausdruck beweisen? Gehen Sie näher ran, beobachten Sie, wie tausendfach die Nuancen schimmern, wie leuchtend die Übergänge, wie frech einzelne Farben hervorblinzeln. Treten Sie dann wieder zurück und betrachten Sie das Bild als Ganzes: Plötzlich werden Sie erkennen, wie harmonisch sich die Farben verbinden, wie sich die krassesten Kontraste aushalten lassen. Stimmt es nicht ungeheuer optimistisch, wie sich die stärksten Disharmonien im großen Ganzen auflösen, wie der Absturz dem «Farbenglück» begegnet? Wenn es nicht ein Bild selbst ist, das sie heute Abend mitnehmen, dann wünsche ich mir, dass sie eben dieses Gefühl noch etwas begleitet.

Stephanie Geise
Kunsthistorikerin

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